In Dänemark sind alle Menschen glücklich. Immer. Sie sind gesund, haben keine Selbstzweifel und kennen Gefühle wie Neid und Misgunst nur aus deutschen Filmproduktionen. Das Leben der Dänen ist perfekt geplant und nie geht etwas schief. Jeder ist gut gelaunt, vermutlich weil sie genau wissen, was sie erwartet.
Jeden Tag wird bei mir im Institut gemeinsam zu Mittag gegessen. Alle essen Punkt 12 Schwarzbrot mit fettreduziertem Belag und Gemüse. Man sitzt gemütlich zusammen und unterhält sich. Ich höre meistens nur zu und esse wahlweise eine Heiße -Tasse von Maggi, ein Stück Pizza von gestern Abend (nicht selbstgemacht) oder wenn es ganz hart kommt ein Brot mit Nutella. Die in etwa gleichaltrigen Mitessen tauschen sich über ihre Alltagssorgen aus. Sie sind alle verheiratet oder verlobt, bereits Mutter oder Vater und in Besitz einer Eigentumswohnung mit mehr als 100 Quadratmetern. Ich lebe mir meinem Freund auf 55 Quadratmetern zur Untermiete. Niemand scheint finanzielle Sorgen oder Zukunftsängste zu kennen, denn alle nehmen freudig Kredite auf und überlegen sich einen Staubsauer- Roboter zu kaufen. Na klar doch.
Auch in der Freizeitplanung sind die Dänen mir überlegen. Nach ihrem 10h- Tag im Labor radeln sie fröhlich nach Hause zu ihrer Eigentumswohnung mit Südbalkon um dann frisch und munter noch 13 km zu joggen- da das Wetter ja so schön ist. Nach 7 km radeln trinke ich ein Bier an unserem französischen Fenster und schaffe es gerade mal unter die Dusche und wieder zurück auf das Sofa.
Ich fühle mich manchmal fehl am Platz in Dänemark. Weil ich oft schlechte Laune habe, gelegentlich schwarz fahre und meine Pfandflaschen wegschmeiße. Die Super-Dänen machen mir Angst, es muss doch auch welche mit schlechten Eigenschaften gebe?. Warum wirken sie oft so überlegen, als wüssten sie es besser? Das, mit dem Leben.
Selbst auf der Straße geben mir Dänen das Gefühl, ich würde etwas falsch machen. Zum Beispiel auf der falschen Seite des Gehwegs gehen oder auf den falschen Sitzen in der U-Bahn sitzen. Deswegen immitiere ich so gut es geht, was die Dänen machen- um nicht aufzufallen.
Das Beachten und Befolgen von allmöglichen Regeln und Lebensentwürfen ist mir neu. In Berlin macht jeder was er will. Wenn hier das Gesundheitsamt findet, die Dänen sind zu dick, gibt es eine neue Steuer auf fetthaltige Produkte- und niemand beschwert sich.
Vielleicht muss man sich in einem kleinen Land an den großen Plan halten? Dänemark ist wohl kein Land für Individualisten.
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Dienstag, 24. April 2012
Dienstag, 3. April 2012
Gut gegen Nordwind
Mit jeder neuen Jahreszeit beginnt ein neuer Abschnitt. Ich als Fan von kultureller Abwechslung beginne diesen in einem nördlich gelegenen Nachbarland, welches die EU- Bestimmungen zur Immigration etwas weitläufiger interpretiert. Dafür ist Dänemark sehr fortschrittlich, wenn es um die Gewinnung von Windenergie geht.
Vor dem Umzug ins neue Heimatland gibt es eine Brückenphase im Heimathafen. Da die alte Wohnung schon weg ist, bieten Mama und Papa Unterschlupf im alten Kinderzimmer. Zwischen dem Meerschwein, gemütlichen Tatort- Abenden, Kaffee und Kuchen, der Badewanne sowie Sonntagsspaziergängen vergisst man schnell den Ernst des Lebens und ist wieder 15 Jahre alt. Dann fällt man aus allen Wolken, wenn man auf einmal nicht mehr von Papa geweckt wird und Lebensmittel wieder selber einkaufen und zubereiten muss. Eine solche Zeitreise ist sehr empfehlenswert, sollte jedoch abgebrochen werden, bevor Diskussionen über das Outfit, den gerade aktuellen, coolen Kifferfreund, Bereitschaft zur Mithilfe im Haushalt oder Zensuren aufkommen. Also breche ich nach 3 Wochen mit friedlicher Grundstimmung modisch, aber stilvoll gekleidet auf in den Norden.
Die Dänen empfangen mich mit offenen Armen und ich darf als EU- Bürger erst einmal eine „residence permit“ beantragen. Hoffentlich darf ich bleiben. Man benötigt nur einen Nachweis, dass man über unbegrenzte finanzielle Mittel verfügt und schon ist man willkommen. Ich fühle mich allerdings etwas seltsam zwischen all den anderen „Immigranten“, die offensichtlich keine Mutter haben, die dafür bürgt den monatlichen Minimalbetrag, der in Dänemark zum Leben benötigt wird, zu überweisen. Zum Glück ist meine Mutter Beamtin, das finden potentielle Vermieter auch immer klasse.
Hat man den Immigrations- Schock erst einmal überwunden, bleibt Zeit, Dänemarks positive Attribute näher unter die Lupe zu nehmen. Es gibt ein flächendeckendes Netz sehr breiter Fahrradwege und allerdings auch 20 verschiedene Regeln, die man beachten muss, sonst gibt es hohe Geldstrafen zu zahlen. In Berlin fahre ich immer ohne Licht und ohne wild zirkulierende Armbewegungen, die anzeigen, dass ich den Gang wechsel. Ich habe nicht einmal verschieden Gänge. Ich bin gespannt, wie lange ich ohne Katzenaugen und selbst reflektierenden Reifen mit beiden Händen am Lecker der dänischen Polizeit entwischen kann.
Außerdem gibt es super Angebote in Supermärkten, sodass man 7 Packete Pasta zum Preis von 4 kaufen darf. Man muss sich nur gut überlegen, wo man die Pasta lagern wird. Ich habe mir schon verschiedene Rezepte für Lasagneblatten, dreifarbige Spirellinudeln oder Makkaroni ausgedacht, denn es ist sogar möglich unterschiedliche Pasta-Arten miteinander kombinieren. Mein deutsches Sparer-Herz schlägt höher.
Bald ist die erste Woche um. Aufgrund der hohen Preise für öffentliche Verkehrsmittel fahre ich jeden Tag mit meiner Möhre von Fahrrad 13 km zur Arbeit. Danach freue ich mich auf einen Teller gesunde Vollkornspaghetti und eine Folge dänischen Psycho-Krimi. Hoffentlich kommt meine „residence permit“ bald, dann darf ich als Immigrant einen dänischen Sprachkurs belegen.
Vi snakkes ved.
Freitag, 10. Februar 2012
The chemicals between us.
Gestern habe ich mir einen Vortrag über Kupfer-Aluminium-Bor Katalysatorensysteme angehört.
Dafür bin ich extra nach Dahlem an das Fritz-Haber-Institut gefahren. Mein Freund hat dort monatelang mit Elementen gebastelt und durfte nun seine Abschlusspräsentation halten.
Ungefähr 10 Leute sitzen in einem Raum. Einer von ihnen ist der sympatische Fachgruppenleiter im grün-blauen Ringelshirt, der unkonventionell den „Kupfer-Tag“, bestehend aus verschiedenen Präsentationen über Kupfer-Experiemente, einleitet.
Dann gibt es noch den nicht so entspannten Direktor des Instituts- ganz in schwarz gekleidet mit Bauchtasche. Er hat schon nach 5 Minuten Einleitung, Fragen und Anmerkungen die uns die nächsten 30 Minuten lang überrollen . Er wird nicht gerne unterbrochen, unterbricht aber ansonsten jeden. Falls es jemals zu so etwas kommt, möchte ich beim Paddelausflug des Instituts nicht mit ihm in einem Kahn sitzen.
Ansonsten gibt es neben einer Reihe relativ unscheinbarer Chemie-Doktoranden und Doktorandinnen noch den obligatorischen Inder in Hemd und Kravatte.
Als ich ankomme, schmuggele ich mich irgendwo an den Rand des Raumes. Ich hoffe, dass mich niemand bemerkt. Ich bin ja eh nur zum Daumendrücken gekommen. Just in dem Moment fällt dem Ringelshirt auf, dass einige unbekannte Gesichter in der Runde seien-ich- und er läd zur allgemeinen Vorstellungsrunde ein. Ich fange an zu schwitzen, da mir partout nicht einfallen will, wie ich professionell meine Anwesenheit erklären könnte. Als ich an der Reihe bin, stammele ich etwas von allgemeinem Interesse an neuartigen Kupfer-basierten Katalysatoren und schäme mich. Niemand lacht. Der Inder nickt anerkennend.
Es geht los. Der Vortrag meines Freundes beeindruckt mich zutiefst, auch wenn ich kein Wort verstehe. Es gibt aber eine Menge toller Graphen und Bilder mit dem Elektronenmikroskop. Der Inder macht sich eifrig Notizen. Alle anderen auch. Also hole ich meinen Stift heraus und schreibe auf ein leeres Blatt: Tomaten, Salat, Milch und Eier- ich muss eh noch nachher zu Kaufland. Danach lege ich den Stift quer auf das Papier und hoffe, das keiner der pfiffigen Doktoranden meine geheimen Notizen entschlüsseln kann.
Am Ende des Vortrags wird um Fragen gebeten. Ich überlege, ob die Frage, „warum man überhaupt Kupfer nimmt und wie man das rausgefunden hat, damals“, als zulässig gilt und entscheide mich dagegen. Statt dessen setzte ich „Jägerschnitzel“ auf die Einkaufsliste und tausche mich über „Whats app“ mit meiner Freundin in der Berlinale-Kartenschlange aus. Der Inder hat viel zu sagen und auch die Bauchtasche findet alles höchst interessant und schlägt NMR als weitere Analysemethode vor.
Ich bin erleichtert, da ich weiß, was NMR bedeutet.
Als der nächste Vortrag beginnt, schleiche ich mich heimlich aus dem Raum und suche eine Toilette auf, auf der bestimmt schon viele kluge Chemikerinnen waren.
In der S-Bahn auf dem Weg zurück ins normale Berlin, fällt mir auf, dass wir doch in einer verrückten Welt leben, wo sich Menschen, sehr lange mit Cu2Al6B4O17 beschäftigen wollen. Ich denke hingegen über eine leckere Panade nach und wiederhole im Geiste die Unterschiede zwischen eukaryotischer und prokaryotischer mRNA-Translation.
So hat jeder sein Steckenpferd.
Donnerstag, 26. Januar 2012
Der gute Norden
Mein Freund ist Däne und glaubt daher in das Gute im Menschen.
Er findet es gut, dass ich GEZ bezahle und kauft sich jedes Mal einen Fahrschein, wenn er die öffentlichen Verkehrsmittel benutzt.
Er ist der Meinung, dass sich Menschen generell auch an mündliche Vereinbarungen halten, gefundene Geldbörsen abgegeben werden und wenn 500g auf der Vitalis-Müsli Packung steht, auch 500g drin sind.
Ich bin fest überzeugt, dass mir jemand mein Portemonnaie aus der Tasche klaut, wenn ich sie offen lasse. Selbst bei einer schriftlichen Zusage, rufe ich an, um mich zu überzeugen, dass kein Irrtum vorliegt. Wenn die 500g Vitalis-Müsli Packung bei Kaufland im Angebot ist, muss was mit dem Müsli nicht stimmen und die GEZ ist sowieso nie zufrieden und schickt einem trotzdem noch Briefe, selbst wenn man den Maximalbetrag brav jeden Monat überweist.
Ich bin misstrauisch. Mein Freund nennt es zynisch. Ich denke, es ist realistisch.
In Dänemark tragen Professoren Sandalen und Cordhosen, helfen dir beim Umzug und sogar beim Studium. Die Menschen sind nett zueinander. Sie sind gesünder, weil sie sich weniger Ärgern. Alle fahren Fahrrad, Studenten werden finanziell unterstützt und junge Mütter werden bei Einstellungsgesprächen nicht benachteiligt.
Dänemark klingt wie ein Land, in dem es jeden Tag Granny Smith Äpfel umsonst gibt und sich alle an den Händen halten.
Manchmal bin ich neidisch. In Berlin treten sich alle gegenseitig auf die Füße und ziehen sich an den Haaren. Meine Dozenten tragen Borussia Dortmund T-Shirts und sind die meiste Zeit über gemein. Um genug Geld zu haben, mache ich nach der Uni Latte Macchiatos für Leute mit genug Geld und schreibe, weil zu wenig Zeit zum Lernen, schlechtere Noten bei den gemeinen Professoren. Die Leute am DB-Schalter sind immer unfreundlich und durch das ganze Ärgern über die deutsche Unfreundlichkeit, bekomme ich unreine Haut.
Das würde mir in Dänemark nicht passieren, obwohl es im dänischen nicht einmal das Wort "bitte" gibt.
Mein Freund ist stolz, Däne zu sein. Ich mache mich heimlich darüber lustig, stecke aber trotzdem Dänische Fähnchen in die Topfpflanze in der Küche. Niemals würde sich eine deutschte dazugesellen.
Sind die Dänen so nett zu ihrem Land, weil es nett zu ihnen ist?
Und woher kommt dieser Urglaube an das Gute? In der dänischen Welt gibt es immer eine Lösung, und wenn ich schon panisch, die Katastrophe erahnend im Dreieck springe, macht meint Freund sich „Aftenskaffe“ (Abends um neun gibts immer nochmal Kekse) und meint genüsslich knuspernd: „ Das wird schon!“.
Das verrückte ist: Es wird immer.
Nur wer an Regen glaubt, wird Regen kriegen?
Ich wünsche mir ein bisschen mehr skandinavische Lebenseinstellung sowie ihren Geschmack für Inneneinrichtung und Gebäck.
Außerdem haben sie gute Kriminalserien.Irgendeine dunkle Seite gibts ja doch immer.
Sonntag, 15. Januar 2012
Januar
Der Januar an sich ist der seltsamste Monat im Jahr. Das Jahr ist erst 2 Wochen alt, trotzdem habe ich das Gefühl, es geht schon ewig. Mein Kalender aus 2011 hängt noch, und wenn ich mich bezüglich der Wochentage an Dezember 2011 orientiere, um Pläne für Januar 2012 zu machen, führt das nur zu Verwirrungen.
Ich habe in diesem Jahr schon eine neue Wohnung gefunden und meine alte vermietet. Eine Reise gebucht und ein neues Telefon gekauft. Ich war erst einmal essen, dafür schon 3 Mal betrunken. Ich habe einen Vortrag über Brustkrebs-Assoziierte-Gen-Mutationen gehalten und wurde dabei einmal von von meinem Professor sehr unhöflich unterbrochen. Ich habe noch nicht geweint, aber schon am Kopf geblutet.
Wenn man eine kurzzeitige Jahresbilanz aufstellt, gewinnen kleine Dinge mehr an Bedeutung. Müsste ich das Highlight 2011 benennen, kostet mich das Mühe aus allen großartigen Erlebnissen, das fetzigste auszuwählen, bzw. aus all den lahmen Erinnerungen, diejenige heraus zupicken, die mich am wenigstens als eine einsame Langweilerin darstellen lässt. (Best of 2011- Harry Potter Teil 7 im Kino und sogar in 3D).
Bei 2012 hingegen ist es leicht. Einige Erlebnisse liefern sich einen harten Konkurrenzkampf: „Ich habe beim Triomino gewonnen“ oder „ich kaufe 2 Paar Schuhe bei Görtz im Sale“.
Ein Jahreswechsel allein macht mich nun auch nicht zu einer spannenderen Person.
No-Go des Jahres 2012: Ich lasse mein Kleid für die Silberhochzeit meiner Eltern weiter nähen. Ein sehr trauriger Moment.
Egal, diese kleinen Mist-Erinnerungen habe ich am Ende eh vergessen.
Dabei sind das eigentlich die schönen.
Im Januar vor einem Jahr saßen mein Freund Richard und ich im verschneiten Kanada auf meinem Wohnheimsofa.
Im Januar vor zwei Jahren, bin ich gerade mit meiner Freudin Julia aus Istanbul zurückgekehrt und habe mir dort zwei rote Fäustlinge mit Herzen gekauft, die mich durch den Winter 2010 gerettet haben.
Im Januar vor drei Jahren habe ich mir einen Pony schneiden lassen.
Im Januar vor vier Jahren war ich nachts mal einer Zahn-Notklinik.
Der Januar ist der Monat der kleinen Erinnerungen. Der Zahn ist mittlerweile heil, die Fäustlinge verloren. Der Pony ist rausgewachsen und ich bin froh, dass es diesen Winter nicht schneit.
Der Januar geht meistens unter, in der Jahresbilanz. Meistens ist es der beschissenste, der härtest, der einsamste, der kälteste und der langweiligste Monat des ganzen Jahres. Man hat zwar noch viel Geld von Weihnachten, will sich aber nichts kaufen, da man noch eine Hosengröße zu viel trägt. Man hat keinen Urlaub, und selbst wenn ist in allen bezahlbaren Urlaubszielen auch schlechtes Wetter. Alle Serien machen Winterpause.
Daher setze ich mir zum Ziel, den Januar erinnerungsmäßig aufzuwerten. Irgendwas Tolles muss noch passieren in den nächsten 2 Wochen. Sonst wird der Januar 2012 wieder vergessen. Das wäre schade.
Dienstag, 15. November 2011
Soul meets Body
Schon seit längerem beschleicht mich das Gefühl: mein Körper ist eine mäßig gut abgesicherte Baustelle.
Bei dem kleinsten Anzeichen von Dauerbelastung, Unregelmäßigkeiten oder Sonderbeanspruchung, bricht alles zusammen. Die Baustelle muss auf weiters geschlossen, um- oder abgebaut werden.
Während meines Abiturs hatte ich weniger mit dem Lernstoff, als mit stress-bezogener Totalausfällen zu tun. Nach der Aussage meines Arztes: „Hach, nun entspannen sie sich doch mal.“ , wurde es auch nicht leichter. Es kam noch der Stress des Entspannen hinzu.
Ich war sehr froh, als das Abitur vorbei war.
Allerdings wurde es auch beim Studium nur minimal erträglicher. Steht eine besonders stressige Woche ins Haus, kann ich mir schon prophylaktische Antibiotika besorgen. Die Blasenentzündung kommt bestimmt. Oder eine Erkältung. Bindehautentzündung oder ein Handekzem.
Und wenn es wenigstens normale, gängige Erkrankungen wären, könnte ich mich ja vielleicht damit arrangieren. Man könnte sich mit anderen Betroffenen austauschen und über die Mandelentzündung lachen. Mich treffen immer die Exoten von Krankheiten, von denen ich vorher noch nicht einmal wusste, dass es sie gibt. Sie sind nie schlimm, nur krass nervig.
Ich finde, mein Körper bräuchte Signallämpchen, die leuchten, wenn es ihm wieder zu viel wird, anstatt immer nur zu meckern wenn es zu spät ist und das Kind bereits im Brunnen liegt und jammert.
Wie machen es denn alle anderen? Ich bezweifle, dass die meisten weniger Stress haben. Vielleicht haben sie robustere Körper? Meiner möchte jedenfalls mit Samthandschuhen angefasst werden, sonst entzündet sich was, schwillt an oder fällt ab, juckt, brennt oder wechselt die Farbe.
Ich könnte mit Joga anfangen oder mir Heilsteine besorgen? Ein entspannendes Raumdeo verwenden? Anstelle von Kaffee Grünen Tee trinken? Mein Freundeskreis auf eine Person plus meine Familie beschränken? Mein Studium abbrechen und meinen Job kündigen? Eine Haushaltshilfe einstellen? Nie mehr an mein Telefon gehen? Alles nur noch halb erledigen? Lebensmittel online bestellen? Einfach nicht mehr kochen?
Kurzum: es ist kaum Besserung in Sicht.
Ich kann mich nur mit meiner wackligen Festung von Körper arrangieren und hoffen, dass sie zwar weiterhin bellt, im Ernstfall aber die Klappe hält und nicht wirklich Ärger macht.
Ich mag sie doch- die wacklige Festung. Und wir haben ja auch gute Tage.
Freitag, 9. September 2011
Tanz der Moleküle
Ich lerne für meine Biochemie-Prüfung. In der Top-Ten Liste der unspaßigsten Aktivitäten kommt dieser Zeitvertreib noch vor dem Zahnarztbesuch oder Pfandflaschen wegbringen.
Die Wurzelbehandlung der Biochemie sind meiner Meinung nach die Aminosäuren- bzw. ihr Abbau. Was alles so in meinen Zellen passiert, während ich nach Ablenkung suchend mein Facebook-Status aktualisiere, raubt mir den Atem. Alle Aminosäuren werden kontinuierlich umgeformt, abgebaut, neu gebaut, verbraucht oder gespeichert. Ich frage mich, woher die Aminosäure Leucin weiß, dass sie zu Acetyl-CoA und nicht wie ihre Freundin Isoleucin zu Succinyl-CoA abgebaut wird. Außerdem frage ich mich, wie ich all das jemals begreifen, verstehen und behalten soll. In meinen Zellen passiert einfach zu viel. Mein Kopf ist zu klein.
Die Chemie des Lebens ist faszinierend. Leider meistens nur auf dem Papier oder in schweren Büchern, sodass man eben nochmal schnell bei Wikipedia nachlesen kann, wie genau die Glykolyse funktioniert. Im angeregten Fachgespräch mit meinen Professor, der meine biochemische Kompetenz benoten möchte, kann ich sicherlich nicht mit Wikipedia klugscheißen, sondern schwitze und stottere rum. Nach der Prüfung muss ich auf dem Klo dann weinen. So läuft es doch jedes Mal.
Blöde Moleküle.
Es gibt einfach viel zu viele. Alle sehen irgendwie gleich aus, haben die gleichen funktionellen Gruppen und doch führen einige dazu dass man dick wird, andere dass man Krebs bekommt und wiederum dritte sorgen für schöne Haut und Nägel. Ich bin verwirrt.
Niemand will Krebs und alle wollen schöne Haare. Wozu gibt es denn den Rest? Könnte man die Biochemie nicht nur auf die schönen Moleküle reduzieren? Es gäbe weniger Ärger und weniger zu Lernen. Die Evolution hat geschlappt, denke ich. Da ich zu Hause kein Labor besitze, um die Biochemie in drei einfache, kompakte und leicht verständliche Schritte für jedermann umzuschreiben, bleibt mir nichts anderes übrig als mich weiter durch den Dschungel der chemischen Ungeheuer zu kämpfen.
Als nächstes erwartet mich die Aminosäure Tryptophan. Erster Absatz im Buch:
„Tryptophan degradation occurs via a very complex pathway.“
Ich bin begeistert.
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